Das Projekt

Bevor ‚sprechende‘ Navis, Computer und Smartphones unseren Alltag eroberten, war es hauptsächlich die Science-Fiction, die den Mediennutzer*innen eine Vorstellung von der Beschaffenheit künstlicher Stimmen vermittelte. Doch so wenig diese fiktionalen Stimmen neutral gestaltet waren (man denke an HAL 9000 aus Stanley Kubricks 2001 oder zuletzt Scarlett Johanssons Computerstimme in Spike Jonzes Sci-Fi-Romanze Her), so wenig sind es die digital generierten Stimmen heutiger Applikationen und Betriebssysteme. Dies zeigt sich etwa in der aktuell geführten Debatte um den inhärenten Sexismus bei Sprachassistenten wie Siri, Cortana und Alexa. Bis jetzt mangelt es jedoch an Untersuchungen, die zugleich intersektionale, kulturübergreifende und medienpraktische Aspekte vokaler Designs in IT-Erzeugnissen und Medien berücksichtigen.

Ziel des Projekts ist daher die Untersuchung medialer Stimmentwürfe unter der Fragestellung, welche Sozialvorstellungen ihnen innewohnen. Obwohl in Sprachassistenten, Navigationssystemen etc. alternative Stimmklangmodelle jenseits fixierter Normen genutzt werden könnten, scheint der Wunsch nach normativen Vokalitäten – so zumindest suggerieren es die Technologiekonzerne – in der Öffentlichkeit vorzuherrschen. Noch immer sind die voreingestellten Stimmen in Service-Applikationen an den westlichen Märkten in der Regel weiblich codiert. Bedarf die sprachbasierte Mensch-Maschine-Kommunikation also hergebrachter, vertrauter kultureller Normen, und geraten dabei andere, diversere Optionen aus dem Blick? Im Rahmen des Projektes soll ebenfalls untersucht werden, wie sich das Wechselspiel von medialer Tradierung und Prägung in nichtwestlichen Gesellschaften darstellt.

Darüber hinaus sollen die Möglichkeiten und Auswirkungen der Stimmveränderung in Apps und Online-Games genauer betrachtet werden. Durch Modifikation der persönlichen Stimme andere Identitäten annehmen zu können, passt freilich in die Welt der anonymisierten Online-Kommunikation, widerspricht jedoch grundlegend der Idee von der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit jeder menschlichen Stimme, wie sie die Diskurse der kulturwissenschaftlichen Stimmforschung bislang geprägt hat. Die Beschäftigung mit Stimmpraktiken im digitalen Zeitalter könnte hier also eine Ergänzung entsprechender theoretischer Erwägungen einleiten.

Schließlich sollen medienhistorische Zusammenhänge berücksichtigt werden: Wann und wie kam es erstmals zur Vermenschlichung künstlicher Stimmen und zur Vermischung beider vokaler Sphären? Wie wandelte sich die stimmliche Konstruktion sozialer, ethnischer und geschlechtsbezogener Rollenbilder in Film, Fernsehen, Hörspiel und Videospiel im Lauf der Mediengeschichte? In diesem Kontext lassen sich auch Praktiken wie die Filmsynchronisierung oder die Lokalisation von Videospielen hinsichtlich der Übertragbarkeit kultureller Eigenheiten und des Zusammenwirkens von Stimmklang und gesprochener Sprache genauer betrachten.

Die Projektergebnisse sollen auf einer international besetzten Fachkonferenz Ende 2020 in Köln präsentiert und diskutiert werden.